Ich mag Bahnhöfe. Sie regen die romantische Seite in mir an. Wenn ich Bahnhöfen eine Farbe zuordnen sollte, wäre es Rot – aber unbedingt. Rot für die Kraft, die in einer Lokomotive steckt. Rot für die Horden aggressiver Fußballfans, denen ich gern zusehe. Nicht, wenn sie im zerstörerischen Sinne aggressiv sind, sondern dann, wenn sie parolenbrüllend anreisen, sich aufheizen, voller Vorfreude sind, eben die Sache in Angriff nehmen wollen.
Ich bitte sie gern, im Stadion für mich mitzubrüllen und sie versprechen mir das immer. Rot für die Liebe natürlich: wo, wenn nicht auf dem Bahnsteig, wird so inniglich geküsst, dass allen Zusehenden das Herz warm wird? Rot für die Haarfarbe meiner Lieblings-Kaffeebüdchen-Frau im Dortmunder Hauptbahnhof. Sie verkauft Kaffee und gibt etwas dazu, was unbezahlbar ist: ihre gute Laune, mit der sie gern ein kurzes Gespräch führt, Menschen aufmuntert, ihren feinen Akzent in ein herzliches „scheene Tack winsche ich“ legt. Wenn sie mal krank ist, fehlt diesem Bahnhof sein Herzstück.
Bahnhof, das ist Aufbruchstimmung, Initiative, hier geht die Reise los, entweder in den Tag für die Pendler oder in die Ferne, von der ich morgens gern träume.
Fotografien von Monika Heer, Bochum
Deshalb habe ich den Dortmunder Hauptbahnhof für den Beginn meiner Reise zu den Sternen der Nordstadt auserkoren. Eigentlich sind’s ja Planeten, aber ich will nicht kleinlich sein: Sterne klingt einfach besser. Zudem geht es nicht um Planeten sondern astrologische Prinzipien. Nachdem ich nun schon über zwei Jahre in der Bochumer astrologos-Schule (siehe Lesezeichen, das lohnt!) lerne, habe ich mir diese Reise ausgedacht. Jedes Tierkreiszeichen wird von einem Planeten regiert und ich gestatte mir, dessen Eigenschaften auf Orte in der Dortmunder Nordstadt zu übertragen. Da man zu spät ja immer pünktlich ist, steht heute der Mars als Regent des Widderzeichens auf dem Plan. (Sorry, aber am 20. März, dem Beginn des Frühlings, Widders, Neubeginns war ich völlig verneumondet.)
Mars, das ist der vor Kraft und Adrenalin strotzende junge Mann, der nur zu gern mit seinem Willen vor die Wand rennt. Römischer Gott der Fruchtbarkeit und des Frühlings ebenso wie Gott des Krieges. Fast mag ich seine griechische Version – ARES – lieber, denn der war in Kämpfen keineswegs immer siegreich, sondern machte oft genug eine lächerliche Figur.
Womit er unserem Hauptbahnhof nicht ganz unähnlich ist: was gab es doch für hochfliegende Pläne, ihn umzubauen! Erinnert ihr euch an die 90er-Jahre, als man den Bahnhof zu einem überdimensionalen Ufo machen wollte? Derweil wir alle stritten, ob das nun größenwahnsinnig oder übermütig sei, kommentierte mein Freund Olaf Katt das so: „Als Designer bin ich unbedingt FÜR dieses Ufo. Da kann der Reisende gleich bei seiner Ankunft erkennen, welch‘ guter Geschmack in dieser Stadt herrscht.“ Tja, als man sich das zu Herzen nahm, plante man gleich noch ein wenig größer und nannte das Projekt 3-DO, um bis zur WM 2006 nicht mal bis in die zweite DOmension vorzudringen… Mittlerweile ist immerhin die Eingangshalle bewältigt, auch wenn die Glasfenster nur noch Rekonstruktionen sind. Stahl- und Kohlearbeiter sind ja auch nur noch Geschichte und das Ruhrgebiet ein Stehaufmännchen … wie Mars. 2017, so munkelt man, kann der Reisende, falls er im Kinderwagen oder Rollstuhl unterwegs ist, sogar sitzen bleiben. Denn dann wird der Tunnel renoviert und es soll Aufzüge geben.
Bis dahin muss meine Kaffeebüdchenfrau den Reisenden Mut machen, denn die Antworten auf meine kleine Privatumfrage zum Thema Hauptbahnhof lauteten unisono: Schandfleck, Peinlichkeit, mehr Licht! „eine besondere Duftmarke in diesem Drecksloch: die Clopreise sind unverschämt teuer: 1 x pinkeln = € 1.-“ oder „der einzige Rückzugsort, wenn ich warten muss, ist für mich der Zeitungsladen.“
Armer Dortmunder Nordstadtmars? Keiner fühlt sich von dir beflügelt?
Mitnichten: die Fotografin dieser Bilder radelt sogar extra aus Bochum zum Dortmunder Hauptbahnhof, den sie ihren liebsten im Ruhrgebiet nennt. Nur dort kann sie solche Powerfotos schießen.
Für mich ist es Zeit, dem „Cititreff“ ein kleines Denkmal zu setzen – der Kneipe im Inneren des Bahnhofs, die längst das Zeitliche gesegnet hat (heute ist dort der einzige Aufzug, der auf ein Gleis hinaufführt). Als ich 1995 in aller Frühe über eine Stunde auf einen Zug warten musste, notierte ich Folgendes:
„Unsere schöne Weltstadt der Biere bietet in ihren Empfangshallen kein gepflegtes Café an, aber eine astreine Abstürze für die Übriggebliebenen der Nacht und die wird soeben der Pflege unterzogen. Die Abgestürzten haben sich bereits verdrückt, der Bierdunst noch nicht und drei Frauen mittleren Alters hängen lautstark Gardinen auf. Nicht, dass die Gardinen wahnsinnige Wolkenstores wären, die der Kraft dreier Frauenspersonen bedürfen. Vielmehr handelt es sich um diese kleinen geschmackvollen Spitzenteilchen, für die drei Frauen auf jeden Fall zu viele sind. Was noch lange nicht bedeutet, dass sich eine von ihnen losreisst, mir einen Kaffee zu bereiten.
„Die Stange musse immer durch jedes dritte Loch stecken.“
„Jedes dritte ist doch viel zu gropp, ich nehm jedes zweite.“
„Nixda, jedes dritte sarich, muss doch schön orntlich aussehn.“
„Leck mich anne Füße.“
Wer sich nach diesem Ausflug in die Historie fragt, was das noch mit dem Marsprinzip zu tun hat, dem muss ich sagen, dass mein Mars seinen sehr eigenen Charme hat. An Fußballtagen kann er rohe Kraft und Rücksichtslosigkeit verkörpern, aber auch den positiven Impuls, unbedingt gewinnen zu wollen. Als Ausgangspunkt einer Reise ist der Dortmunder Hauptbahnhof nicht zu unterschätzen: er beinhaltet nicht viel, das einen festhält, aber einiges, das zum Aufbruch drängt. Mars ist keiner, der genau hinsieht. Was er will, das will er und am besten sofort. Wohl aber lohnt es, ihn genau zu betrachten: sowohl für die, die sich gerade in einen stürmischen Mars verliebt haben als auch für jene, die gern Skurrilitäten wahrnehmen. Wenn ich ihm klar ins Gesicht gesehen habe, meinem Mars, befähigt er mich, meinen Weg mit Entschiedenheit zu verfolgen. Denn eines tut der Dortmunder Hauptbahnhof gewiss: er treibt vorwärts – weil man nix wie raus will – um voller Initiative die Sterne der Nordstadt zu entdecken.
Der nächste Halt unserer Ufo-Reise wird die Venus sein, die sich an weit weniger prominenter Stelle befindet. Ich wähle meine Sterne der Nordstadt nämlich höchst subjektiv aus. Sie können so beliebt wie der Hauptbahnhof oder so unbekannt wie die Venus sein, auf der man es sich wohlergehen lassen darf… wenn die Sonne in den Stiermonat geht.
7. April 2015 um 20:43 Uhr
…eine Geschichte mit vielen Kleinen…super beobachtet und geistreich. Hat mir viel Spaß gemacht.