Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

Claudia Dorka: Mir doch egal!

Endlich!
Das Getöse liegt hinter ihr!
Elkes Schritte werden langsamer, die Schultern sinken locker zurück und ein tiefes, freudiges Seufzen entfährt ihr.
Was um Himmelswillen finden andere Menschen nur am Fliegen und ganz besonders, was finden sie an Flughäfen? Braucht es dafür irgendein besonders Gen oder eine bizarre Störung von was-auch-immer? Nie wird sie verstehen, was schön daran sein sollte, auf Reisen geschickt zu werden. Statt sich langsam von einem Ort zum anderen hin- bzw. wegzubewegen, scheint es wichtiger zu sein, irgendwie an allen Orten – fast – gleichzeitig sein zu können.
Schnell, schneller, am schnellsten.
Auf die Plätze – fertig – los.
Und ab dafür!
Bis auf diese endlose Warteschlangen vor den Check-Ins, den Duty-Free-Malls, den Gates. Da hieß es dann wieder Schneckentempo. Selbstverständlich ohne Ruhe. Menschen mit Hektik im Blick und Unruhe in den Ellenbogen vergeben großzügig beim Drängeln blaue Flecke. Andere brettern mit ihrem Handgepäcktrolley á la Omas-Hackenporsche durch die wartendenden Reiseschafe wie weiland Nikki Lauda durch die Nordschleife am Nürburgring. Statt Jubel gibt’s lautstarkes Gemurre. Und doch erheitert es sie jedes Mal aufs Neue, dass sich alle diese Rüpeleien gefallen lassen. Niemand holt mal eben mit dem eigenen Handgepäck aus, um damit den Unverschämten niederzustrecken.
Ist das jetzt zivilisiert oder einfach nur feige?
Gedankenverloren geht sie langsam den langen und menschenleeren Gang entlang. Ihr Flieger soll von Gate 313 abfliegen und das scheint am leblosesten Ende dieses samstäglich vollen Dubliner Flughafens zu liegen.
Bevor sie sie sehen kann, kann sie sie hören.
„Stimmen? Musik? Schlägerei? Kirmes? Kneipe? Versteigerung? Oder doch Bingo?“, rattert ihr durch den Sinn.
Nichts von alledem und irgendwie doch von jedem etwas.
Nach der letzten Tunnelkurve öffnet sich ein Platz vor ihr, angefüllt mit Menschen. Rechts von ihr ein Café mit Tischchen draußen, links von ihr ein Irish-Pub mit Tischchen draußen. Alle Ablageflächen scheinen belegt von leeren, halbvollen und vollen Gläsern. Um die Gläser herum kann sie Menschen erkennen. Männlich. Weiblich. Diverse Altersstufen. Über allem liegt ein irisches Stimmengewirr geprägt von heiterer Ausgelassenheit. Was jetzt aber auf den Lärmpegel insgesamt keine dimmende Wirkung hat.
Im Gegenteil: Es ist krachlaut. Alle reden durcheinander, es wird gelacht, gekichert, Worte fliegen von Tischchen zu Tischen. Eine Reisegruppe, so viel ist klar.
Akustisches Entkommen – unmöglich.
Elke findet einen Platz in der gegenüberliegenden Loungegruppe.
Beine hoch, Blick nach vorne.
Und der lohnt sich.
Die Damen in Hot-Pants, Netzhemdchen und geschminkt wie für einen Fernsehauftritt. Das Haar mächtig onduliert, die Nägel in scheckig bunt und an den Füßen die herrlichsten Sandaletten, die sie je gesehen hat: Durchsichtiges, paillettenbesetztes Plastikgeschnüre mit grau-schwarz-gepunkteten Fellimitatpuschel in hochhackig, darin – selbstredend – pink gepinselte Zehennägel.
Die Herren, modisch ganz up-to-date: Fußballtrikots in Dunkelrot, mit keck in den Nacken geschobenen Schirmkappen, hie und da blitzt ein Siegelring am Speckfingerchen.
Die Damen favorisieren Drinks mit bunten Schirmchen, die Herren ordentliche große Pints. Wo um Himmelswillen wollen die bloß hin?
Ihre Augen suchen die Monitore an den Gates vor ihr ab. Sie treffen auf „Izmir“ und auf „Frankfurt“. Eine Ballermannparty im Bankerviertel? Hält sie für ausgeschlossen. Also dann muss es Izmir sein. Auf dem Monitor steht auch „last call“, vor der Schleuse stehen sie Schlange. Sie hört Rufe aus der Reisegruppe: „One more pint mate!“ Und richtig, es werden volle Pints ausgegeben. „Last call hab ich mir immer anders übersetzt“, denkt sie kichernd und auch „haben die Nerven!“.
Als das Zeichen auf „Ultimate last call“ steht, setzt sich etwas in der Truppe in Bewegung. Mit freundlicher Lärmigkeit und in wunderbarer Langsamkeit zieht dieser bunte Kirmeszug in Richtung „Izmir“; die eine Hand zuckelt den Rollkoffer, die andere hält das Glas fest. Das dann, freundlich und zuvorkommend, vom Stuart der Fluglinie wenige Meter später eingesammelt und auf die Fensterbrüstung gestellt wird. Ein satter bacchantischer Moment der lärmenden Fülle hängt über den Zurückbleibenden und eine letzte Platinlocke wippt um die Ecke gen Flieger, so als wollte sie den Zurückbleibenden heiter zurufen „Auf zur Sause! – Denkt was ihr wollt! – Mir doch egal!“.
Während sich die Stille den Wartebereich zurückerobert, beginnen die Aufräumarbeiten. Glas um Glas türmt sich auf dem Servierwagen. Der junge Kellner schüttelt fassungslos den Kopf, als er die Reste dieses wunderbaren Gelages auf- und zusammensammelt.
Elkes Flug nach Frankfurt wird ausgerufen. Angespannt schaut sie in Richtung Gate 313. Jetzt dahin und dann in den Stahlbauch rein, ohne Frischluft für 2 Stunden, dafür aber mit Tomatensaft. „Irgendwas Gesundes muss es ja geben“, denkt sie maulig. Und sieht noch einmal diese heiter-rabaukige und zufrieden-lärmende Truppe vor sich.
„Oder doch vielleicht einen Gin-Tonic?“ Urplötzlich überkommt sie ein kitzelndes Lachen im Hals. Eines von der Sorte, das den ganzen Körper schüttelt, die Lachtränen laufen lässt und ein lange währendes körperliches Wohlbefinden nach sich zieht. Nichts kann dieses Glucksen und Kichern in ihr zurückhalten. Und es platzt aus ihr heraus, prustend, kichernd, japsend.
Und sie weiß genau in diesem Moment, wie gut es sich anfühlt, Kontrolle einfach mal loszulassen, fünfe gerade sein lassen zu können, sich im Moment Zuhause zu fühlen und jetzt einfach völlig gelöst in den Flieger zu steigen. Sie registriert noch, dass ihre umstehenden Mitreisenden etwas irritiert in ihre Richtung schauen, zieht ihren Rollkoffer energisch um die Kurve und denkt sich „Mir doch egal!“

Claudia Dorka, November 2018