Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

Claudia Dorka: Marmelade

Eiskalt mein Herz, mir graut vor Dir.

Wenn warme Sonnensuppe woanders kocht

stattdessen hier alles von Fuß bis Kopf eis-klirrend wabert

zum Überdruss, die Wahrheit sich rauf-runter-schwindlig labert

da melancholiert frau schmerzhaft fühlbar: nix gerockt.

Langsam zieht das Messer seine gerade Bahn. Alles geht genau nach Plan. Immer von rechts nach links. Die Schnittkante ordentlich am rechten Rand des Brotes aufgesetzt, die dünne Schicht Marmelade auf Messersschneide glatt verteilt und dann mit einem geschickten Schwung der rechten Hand das Messer zügig nach links gesenkt und dann langsam und lustvoll das rot über das weiß ziehen.

Wohlige Schauer ziehen durch ihren Körper, es ist staubstill im Zimmer und das Messer zieht stetig seine Bahn, wo vorher weiß glänzend die fette Butter in’s Zimmer lachte, legt sich jetzt das Blutrote der Herzenssehnsucht schimmernd auf’s Jungfräuliche. Links ankommen, absetzen, Handgelenk drehen, Messer vom Brot erheben.

Vorsicht, keine noch so kleine Delle oder Furche darf im Glatt des Marmeladenstrichs zu sehen sein. Sonst heißt es: neues Brot schneiden, streichwarme Butter glatt wie ein Laken über den dunklen Untergrund ziehen, neues Marmeladenmesser vorbereiten, wieder rot über weiß legen.

Glück gehabt!

Leicht zitternd vor konzentrierter Anstrengung schwebt die Messerhand in der Luft, beschreibt einen eleganten Bogen, taucht tief in das Marmeladenglas hinein, versenkt die Schneide und kommt rottropfend an’s Licht. Jetzt noch über den weiten Rand abstreifen. Eine glatte Marmeladenfläche entsteht auf Messersschneide. Und wieder am rechten Brotrand anlegen, das Messer schwebt für Nanosekunden über dem Brot, ein gefährliche Zeit, wenn es jetzt tropft….

Auf ihrer Nase haben sich Schweißperlen gebildet, unbemerkt weint es aus der Haut. Der Rücken gespannt wie ein Drahtseil, Augen starr auf das Brot gerichtet. Nichts ist jetzt wichtiger. Nichts sinnvoller. Nichts anderes möglich.

Messer nach links senken und rot über rot ziehen, schön glatt, fast spiegeln kann sie sich. Links ankommen, absetzen, Handgelenk drehen, Messer vom …..

„Iß mich – Iß mich – Iß mich – Iß mich“ – das innere Marmeladenmantra reißt sie aus ihrer Konzentration. Das Klirren des Messers auf dem Teller donnert in ihren Ohren. Wieder nicht geschafft. Wieder nicht funktioniert. Wieder nicht gesiegt.

Dumpf starrt sie nach vorne, die Beine zittern, ihr ist schlecht, 120 Kilo ziehen sie in’s Erdreich, das Schluchzen sitzt tief im Hals und nur die Haut kann weinen. „Iß mich – Iß mich – Iß mich – Iß mich“. Wie verschließt man innere Ohren? Das Herz löchrig gelebt, die Seele wund geschabt, das Hirn still gezwungen. Wenn nur nicht die inneren Ohren wären! Bis hierhin ging es doch ganz gut! Wassollichnurmachenwassollichnurmachenwassollichnurmachenwassollichnurmachen.

WAS?

Langsam zieht das Messer seine gerade Bahn

One thought on “Claudia Dorka: Marmelade

  1. super! wie kommt man auf solche idee! herzlicher gruß, krabbe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.