Astrid Petermeier

Neues aus dem Rührgebiet

Claudia Dorka: Saisonale Erscheinung

Grüner Baum, mit Nadeln, Geruch nach Harz, da wo die Axt ihn getroffen und längs gelegt hat. Raschel-Rauschen-Flop – der Sound der Fällung.
„Wo pack ich ihn an? Wo, nu sag doch schon! Er piekt egal wo. Zieh Du ihn doch hinter Dir her. Oder sollen wir ihn nicht besser zusammen tragen? Boh ist der schön und riecht so gut und weißt Du was? Das ist bestimmt der doll-schönste Baum von immer!“ Stakkato-Wortgetrommel vor lauter Freude. Rotgefrorene 11-jährige Pausbäckchen strahlen mit den leuchtenden Augen um die Wette. Sie weiß gar nicht, wohin riechen, wohin schauen. Und immer ist der Vater so langsam!
Deshalb sind sie auch so spät von zu Hause losgekommen. Fast zu spät für den Wald. Die Mutter wollte sie nicht mehr gehen lassen. Eilen sollten sie sich, im Dunkel im Wald wisse man nie, welcher Troll unterwegs war. Geschwind sollten sie zurück sein. „Ja Herz, keine Sorge, wir schaffen das.“ hatte der Vater lächelnd gebrummelt. Jetzt trugen sie die kleine frisch gefällte Tanne durch die Dämmerung. Der große schweigsame Mann vorne den Stamm, das kleine rothaarige Mädchen hinten die Spitze. Er stapft, sie trippelt, beides knirscht.
„Weißt Du was? Wir machen rote Kugeln dran und dann gibt es heißen Kakao und Kekse, Zimtsterne und ….“ Plautz! Das letzte Wort geht im Schneegestöber unter. Der Vater war abrupt stehen geblieben, Josefine in die Baumspitze gelaufen, gestolpert und in den Schnee geplumpst. Prustend kommt ihr Gesicht weißgepudert aus der Horizontale empor. Der rote Mund wölbt sich zum Empörungsschrei, doch der Vater bedeutet ihr, mit einer schnellen Zeigefingergeste, mucksmäuschenstill zu sein. Leise und langsam legt er die Tanne in den Schnee, reckt dabei das Kinn deutend nach vorne. So als wollte er sagen: sieh nur, dort!
Josefine plinkert mit den schneebepuderteten Wimpern, hebt dabei den Kopf weiter nach oben, kommt leise auf die Knie, rappelt sich langsam hoch und schaut in Richtung Hexeneiche. Ihr ist mulmig, fast schaurig zumute. Kein Wort ist bis jetzt auf den Schneeboden gefallen, kein Buchstabe in der Luft zerstoben, leise leise leise.
Was sieht der Vater? Ihr pocht das Herz bis zum Hals. Der Vater steht wie angewurzelt eine Tannenlänge vor ihr, zu weit, um ihre Hand, Schutz suchend, in seine zu stecken. Zu weit, um sich sicher zu fühlen. Eiskalte Schauer laufen ihr über den Nacken, ihr Rücken fühlt sich so schutzlos an, zittert vor klammer Angst. Was hatte die Mutter gesagt? „Obacht vor den Weihnachtstrollen, sie holen die Kinder, verschleppen sie unter die Erde, lassen sie bis zur Erschöpfung Plätzchen backen und Weihnachtslieder singen.“
Josefine schaut geradewegs in Richtung Hexeneiche und sieht…..

„Last Christmas ………..“ röhrt es unsanft neben Karlas Ohr und reißt sie aus ihrem weichen Weihnachtswelt-Watte-Traum. Zornig schaut sie auf und sieht blau, nichts als blau. Eine gerätehallengroße Plastiktüte füllt den kompletten Sitz vor ihr aus. Unten kommen ein paar Jeans mit Wanderschuhen raus und oben nur dieser gottverdammte Weihnachtsjodel „I gave you my heart“. Zum Kotzen diese Wham-Scheiße. Nichts war weiter weg von ihrem wunderbaren Flauschtraumgefühl als diese Heulbojennummer mit Glanzpapier, Lametta, billigen Glühwein und in ihrer Scheußlichkeit zum Himmel schreienden Wichtelgeschenke! Und jetzt brummt diese blaue Gerätehalle auch noch falsch mit!
Ihr ist zum Heulen. Sie hasst Tüten-Weihnachten, sie verabscheut Süßgedudel, sie friert – von innen nach außen – und liebt richtiges Weihnachten und will zurück zu Josefine.

Augen zu, Ohren auf Durchzug, selber Musik denken. „Vom Himmel hoch, da komm ich her…..“ wär doch gelacht, wenn der gute alte Luther nicht gegen die Whambratzen ankäme!
Karla summt sich langsam wieder in Richtung Wald, Hexeneiche, gütiger Vater und lebensvolle Tochter, zoomt sich auf den schneebedeckten Waldweg und sieht, dass Josefine geradewegs in Richtung Hexeneiche schaut und

„But the very next day you gave it away…“ Himmelherrgottnochmal, das Heulen der blauen Plastiktüte wird lauter. Sie schnaubt, oh nein diesmal bleiben die Augen zu. „ich bring euch gute neue Mär“ „This year, to save me from tears“ „der guten Mär bring‘ ich so viel“ „I’ll give it to someone special.“ „davon ich sing’n und sagen will.“

Josefine schaut starr vor Entsetzen auf die Hexeneiche, gespenstisch flackert es durch das weitläufige Geäst, so als würden Irrlichter durch die blattnackten Astarme sausen, beim genauen Hinsehen erkennt sie ein weibliches Fratzengesicht mit weit offenen Mund und einen riesigen blauen Sack mit Trollhaaren daran. Ihr ist kalt vor Furcht. Sie atmet tief durch, nimmt ihren ganzen Mut zusammen, springt so leise sie kann zum Vater und greift seine Hand. Keine Sekunde zu spät.
Schaurige Laute kommen jetzt aus der Eiche, so als würden ein Mann und eine Frau völlig falsch zwei verschiedene Scheußlichkeiten in den Wald plärren. Gebannt vor Entsetzen stehen Vater und Tochter lauschend in der dunklen Winternacht.

„‘Happy Christmas‘ I wrapped it up and sent it“ „Ach Herr, du Schöpfer aller Ding“ „With a note saying ‚I love you‘, I meant it“ „wie bist du worden so gering“ „Now I know“ „dass Du da liegst“ „what a fool I’ve been“ „auf dürrem Gras“ „but if you kissed me now,“ „davon ein Rind“ „I know you’d fool me again“ „und Esel aß!“

Mittlerweile stehen sich Klara und die blaue Geschenkehalle Ton an Ton gegenüber, nach dem fulminanten Schlussgetöse „Ag-aaaaa-in-aßßßßß!“ plumpsen beide erschöpft auf die staubigen S-Bahn-Sitze. Es ist still in der Bahn. Alle schweigen. Klara hält die Augen festverschlossen. Sie zoomt sich eilig auf den schneebedeckten Waldweg, in Richtung gütiger Vater, lebensvolle Tochter und Hexeneiche und sieht…
…eine blaue gerätehallengroße Plastiktüte sich verbeugen.
„Gestatten, Manfred.“

„Oooohhh. Oh oh baby“
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